Der Gedanken von Antoine de Saint-Exupéry „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann“ ist mir für als Grundannahme für die Bildkomposition in meiner naturfotografischen Arbeit immer wichtiger geworden. Maler haben es da gut, denn Sie können in der Regel mit einer weißen Leinwand beginnen und ihr Bild Schicht für Schicht, Punkt für Punkt und Farbe für Farbe auftragen. Malerei ist ein additiver Prozess, denn es kommt Schritt für Schritt etwas hinzu. Anders verhält es sich mit der Fotografie. Sie ist eher ein subtraktiver Prozess. Ähnlich wie die Bildhauerei, die aus einem Stein durch das Entfernen von Material eine Figur freilegt. Wenn wir durch eine Kamera schauen, sehen wir nur eine Ausschnitt aus der Welt, die uns zu dem Zeitpunkt umgibt. Durch die Wahl der Brennweite, der Belichtungszeit, der Nähe oder Distanz zum Motiv oder auch durch die Wahl der Blende reduzieren wir den Blick auf einen bestimmten Teil der Wirklichkeit. All diese Möglichkeiten helfen dem Fotografen sein Bild zu gestalten.
Für mich sind der Nebel und der Schnee zwei sehr willkommene Wetterphänomene. Sie sind wie eine weiße Leinwand, die mir dabei helfen, einen Teil der sichtbaren Welt auszublenden. Vor ihr erscheint das eigentliche Motiv deutlicher, nichts lenkt ab.
Zum Jahreswechsel gab es hier in Norddeutschland für einige Tage eine geschlossene Schneedecke. Gemeinsam mit einem Freund, richteten wir an seiner Winterfütterung die Bedingungen so her, dass die Vögel, die sie besuchten, gleich ob sitzend oder im Flug, immer vor einem weißen Hintergrund zu sehen waren. Ich entschloss mich, einen Tag nur sitzende Vögel zu fotografieren und am anderen Tag mich nur mit den Flugszenen zu beschäftigen. Diese Vorgehensweise erfordert am Anfang ein wenig Disziplin. Am Ende ist verhilft sie einem jedoch zu deutlich besseren Bildern. Würde man ständig die Belichtungzeiten und ISO-Werte anpassen, verpaßt man sicherlich die besten Situationen. Die sitzenden Vögel habe ich mit Blende 5.6 und einer Belichtungszeit von 1/1.00 Sekunde aufgenommen. Die ISO-Werte wurden der Lichtsituation angepasst. Dabei nutzte ich die manuelle Zeitvorwahl, damit ich konstante Belichtungsergebnisse bekomme. Die gleichmäßigen Belichtungen erlauben es mir später bei der Bildbearbeitung in Adobe Lightroom, die Bildserien mit der Funktion „Synchronisieren“ zeitsparend und zielgerichtet zu bearbeiten.
Die Bilder der fliegenden Vögel erforderten eine Belichtungszeit von 1/4.000 Sekunden. Dazu wurde die Blende auf 4 geöffnet und die ISO-Werte entsprechend erhöht. Bei der Schnelligkeit der Vögel kommt man mit seiner Reaktionsgeschwindigkeit sehr schnell an die Grenze des Möglichen. Trotz der hohen Serienbildgeschwindigkeit bleiben beim konventionellen Herangehen die Treffer meist aus. Die Pre-Release Capture-Funktion ist hier ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg. Sie ermöglicht es, Action-Momente festzuhalten, die man sonst wegen einer zu späten Reaktion verpasst hätte. Bei halb durchgedrücktem Auslöser werden bei dieser Funktion permanent die Bilder der zurückliegenden Sekunde in einen Zwischenspeicher gepuffert. Sie können mittels der Auslösung sozusagen aus der Vergangenheit „zurückgeholt“ werden. Mit dieser Methode erhöht sich die Trefferwahrscheinlichkeit um ein Vielfaches. allerdings entstehen auch sehr viele Bilder, die dann nach dem Ansitz ausgewertet werden müssen. Am Rande sei hier noch erwähnt, dass Nikon bei der Pre-Release Capture-Funktion nur das JEPG-Format bedienen kann. Das ist leider sehr bedauerlich, da man trotz Hochleistungskamera leider weit hinter den Möglichkeiten einer RAW-Datei bleibt. Technisch machbar wird das sein, da Olympus schon im Jahr 2017!!! eine solche Funktion mit RAW-Daten vorhielt und es auch bei Canon heute Standard ist.
Hier sehen Sie nun einige der Fotografien, die „Vor weiß“ entstanden sind:

Blaumeise im Flug

Auffliegende Blaumeise

Kohlmeise im Flug

Fliegender Dompfaff

Dompfaff im Flug

Blaumeise auf einer Ansitzwarte

Sichernde Kohlmeise

Dompfaff an der Futterstelle

Blaumeise in ihrem farbigen Federkleid

Die Tannenmeise gleicht der Färbung des Totholzes

Die flinke Weidenmeise

Neugierge Amsel

Kohlmeise

Blaumeise beim Wendemannöver

