Kennen Sie das auch, dass man manchmal den Wunsch verspürt, gewohnte Pfade zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren? So erging es mir bei einem Besuch an der Schlei in Schleswig-Holstein. Mein eigentliches Interesse galt den Hecken, die hier Knicks genannt werden, und ihren bunten Früchten. Doch die Schlei besitzt einen ganz eigenen maritimen Charme. Bei einer Fahrradtour führt der Weg immer wieder ans Wasser. Kleine Fähren bringen die Besucher ans andere Ufer. Zahlreiche handwerklich geprägte Werften bauen oder restaurieren sehenswerte Segelboote.

Die Schlei erstreckt sich über eine Länge von rund 42 Kilometern von Schleimünde über Kappeln und Arnis bis zur Stadt Schleswig. Sie ist ein Meeresarm der Ostsee und durchzieht das Schleswig-Holsteinische Hügelland. Für den Fahrradtourismus ist die Region hervorragend erschlossen.

Bei diesem Besuch entschied ich mich, mit zwei Kameras zu arbeiten. Eine Kamera diente meinem ursprünglichen Vorhaben, die Hecken mit ihren Früchten zu fotografieren. Bei der zweiten hatte ich bereits in der Kamera das Schwarz-Weiß-Profil eingestellt. Auch in diesem Modus zeichnet die Kamera die Bilddaten als RAW-Dateien auf. Natürlich lassen sich diese später ebenso mit einem Farbprofil entwickeln. Doch wenn ich das Motiv bereits bei der Aufnahme in Schwarz-Weiß sehe, fällt mir die fotografische Gestaltung leichter.

Die Schwarz-Weiß-Fotografie reduziert die Wirklichkeit auf ihre grundlegenden visuellen Elemente:

  • Licht und Schatten: Licht wird zum eigentlichen Gestaltungsmittel.
  • Kontrast: Helle und dunkle Flächen treten in einen Dialog.
  • Form und Struktur: Konturen, Linien, Oberflächen und Muster werden deutlicher.
  • Komposition: Die Anordnung der Bildelemente gewinnt an Bedeutung.
  • Ausdruck: Gestik, Mimik und Atmosphäre können stärker hervortreten.

Durch den Wegfall der Farbe wird unser Blick von einer Informationsebene befreit. Wir achten weniger darauf, welche Farbe etwas hat, und stärker darauf, welche Form und welchen Ausdruck es besitzt, wie es beleuchtet ist und in welcher Beziehung es zu seiner Umgebung steht. Schwarz-Weiß kann dadurch eine besondere Konzentration auf das Wesentliche erzeugen.

Eine Woche lang fotografierte ich also in zwei Welten: farbig in den Hecken, um deren Vielfalt und Fülle zu zeigen, und schwarz-weiß in der maritimen Landschaft, um nach ihrer Essenz zu fragen. Beide Konzepte funktionierten.

Auch die Schwarz-Weiß-Fotografie besitzt diese Kraft, sie entfaltet sie nur auf eine andere Weise. Sie nimmt der Welt etwas weg, um etwas anderes sichtbar zu machen. Oder anders gefragt: Was bleibt von der Welt, wenn wir ihre Farben wegnehmen? Genau darin liegt vielleicht ihre besondere künstlerische Kraft. Wie eindrucksvoll das gelingen kann, zeigen beispielsweise die herausragenden Arbeiten des isländischen Fotografen Ragnar Axelsson (RAX).

Doch mein Fazit als Naturfotograf lautet: Für mich transportiert die Farbfotografie stärker die Fülle des Lebens und der Wirklichkeit. Zwar besteht bei ihr die Gefahr, dass die Vordergründigkeit und Intensität der Farben den Blick auf die Essenz eines Augenblicks versperren. Gelingt es jedoch, Farben in Emotionalität zu verwandeln, entfalten sie eine erhabene Kraft.

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