Eigentlich war mein Ziel an diesem Wintermorgen klar: In der Dümmer Niederung wollte ich an den Gräben Silberreiher fotografieren. In strengen Frostperioden sammeln sich diese eleganten Vögel gern an offenen Wasserstellen, um dort auf Fischfang zu gehen. Besonders eine mit Schilf gesäumte Fischtreppe hatte es mir in den vergangenen Jahren angetan – ein Ort, an dem sich Jungfische verstecken und der die weißen Jäger regelrecht anzog.

Doch diesmal bot sich ein anderes Bild. Die Stelle wirkte verlassen, fast still. Kein einziger Silberreiher war zu sehen. Vermutlich gab es für die Weißfische in diesem Winter keinen Anlass, den Dümmer zu verlassen – und damit auch keinen Grund für ihre Verfolger, sich hier einzufinden.

Mit einer Mischung aus Enttäuschung und Ratlosigkeit ließ ich die Kamera zunächst ruhen und machte stattdessen einen kleinen Spaziergang durch die verschneite Landschaft. Die Stille hatte ihren eigenen Reiz. Auf einem nahegelegenen Feld entdeckte ich schließlich einen Feldhasen – und kurz darauf, wie aus dem Nichts, einen zweiten.

Der Feldhase gilt seit der Antike als Symbol der Fruchtbarkeit. Besonders während der sogenannten Rammelzeit, der „Hasenhochzeit“, sind die Tiere auffallend aktiv und gut zu beobachten. Die tief stehende Wintersonne schien an diesem Morgen genau die richtige Stimmung zu schaffen: Auf dem schneebedeckten Feld begann ein lebhaftes Schauspiel.

Ich zog mich ins Auto zurück, um die Szene aus der Distanz zu beobachten, und wartete geduldig auf einen günstigen Moment. Was sich dann vor meinen Augen abspielte, war beeindruckend: Mit erstaunlicher Geschwindigkeit jagten die Hasen über das Feld, wendeten abrupt und verschwanden wieder in der Weite.

In Mitteleuropa sind Häsinnen von Januar bis September fortpflanzungsfähig, mit einem deutlichen Höhepunkt im frühen Frühjahr. Entdeckt ein Rammler eine Häsin, beginnt meist eine wilde Verfolgungsjagd. Hat die Häsin genug von der Aufdringlichkeit, richtet sie sich auf und verpasst dem Verehrer eine Reihe kräftiger „Ohrfeigen“ – die dieser nicht selten erwidert. Oft sind sogar mehrere Rammler beteiligt, doch letztlich bestimmt allein die Häsin über Zeitpunkt und Dauer der Paarung.

Fotografisch blieb der Morgen eine Herausforderung. Die Distanzen waren groß, und über dem Schnee lag ein feiner Dunst, der Aufnahmen auf größere Entfernung nahezu unmöglich machte. Doch das spielte bald keine entscheidende Rolle mehr. Über eine Stunde hinweg konnte ich das Treiben der Hasen beobachten, ihre Dynamik und ihr Verhalten studieren – und dabei so manche amüsante Szene erleben.

Am Ende wurde mir einmal mehr bewusst: Naturfotografie besteht nicht nur aus dem perfekten Bild. Oft sind es gerade die stillen Momente des Beobachtens und Erlebens, die den größten Wert haben – und die Grundlage für all das, was vielleicht erst später vor die Linse kommt.

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