Oder anders gefragt: Kann weniger mehr sein? Diese fast philosophische Frage ist für meine fotografische Arbeit von zentraler Bedeutung. Im Grunde geht es dabei um die Essenz eines Bildes: Was ist wirklich notwendig? Was erleichtert den Zugang zu seiner Aussage? Was spricht den Betrachter an, was berührt ihn? Ein möglicher Ansatz zur Beantwortung dieser Fragen findet sich in einem Gedanken des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry: „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“ Dieser Gedanke der Reduktion, der bewussten Beschränkung auf das Wesentliche, kann meiner Überzeugung nach ein Weg zu ausdrucksstarken Bildern sein.
Um das zu veranschaulichen, habe ich vier Fotografien ausgewählt, die im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer entstanden sind. Das erste Bild zeigt eine realistische Situation an einem frühsommerlichen Strand auf der Insel Borkum. Wolken, Wasser, Strand, Weite und die Helligkeit des Lichts prägen die Aufnahme. Sie vermittelt einen unmittelbaren Eindruck der Landschaft, wie wir sie mit unseren Augen wahrnehmen können.
Doch bevor Sie weiterlesen, halten Sie einen Moment inne und lassen Sie das Bild auf sich wirken: Welche Stimmung löst es bei Ihnen aus? Welche Gedanken oder Gefühle weckt es?
Ausgehend von solchen Überlegungen habe ich beschlossen, eine kleine fotografische Serie zu beginnen, die ich „Die Farben des Meeres“ nennen möchte. Für diese Aufnahmen wähle ich einen erhöhten Standpunkt und richte den Blick auf das Meer. Während einer horizontalen Schwenkbewegung von links nach rechts belichte ich mit einer relativ langen Verschlusszeit von etwa einer Achtelsekunde. Um die Bewegung möglichst gleichmäßig und waagerecht auszuführen, empfiehlt sich die Verwendung eines geeigneten Stativkopfs, beispielsweise eines Neigers.
Das Ergebnis ist eine starke Reduktion der ursprünglichen Landschaft. Einzelne Formen und Details treten zurück, während Farben, Linien und Strukturen in den Vordergrund rücken. Was bleibt, ist gewissermaßen die Essenz der Landschaft: eine Textur, eine Abfolge von Farben, fast wie eine Farbskala.
Und nun stellt sich die entscheidende Frage: Hat das Bild durch diese Abstraktion gewonnen oder verloren? Ist es dadurch ausdrucksstärker geworden, oder geht gerade etwas von dem verloren, was die ursprüngliche Landschaft ausmacht?
Ihre Meinung interessiert mich. Schreiben Sie mir gerne an: willirolfes@t-online.de

Sandbank vor Langeoog

Blühende Salzwiese auf Wangerooge

Strand von Borkum









