Anfang Mai haben die meisten Säbelschnäbler ihre Brutreviere bezogen und in kleinen Kolonien ihre Nester angelegt. Da die Brutzeit mit 22 bis 24 Tagen vergleichsweise lang ist, halten sich die Altvögel während dieser Zeit fast ausschließlich in Nestnähe auf. Die langbeinigen Watvögel zeigen dann ein ausgeprägtes Territorialverhalten und verteidigen ihre Reviere energisch gegen Eindringlinge. Dabei scheuen sie weder direkte Angriffe noch koordinierte Luftattacken. Dringt beispielsweise eine Krähe in den Luftraum der Kolonie ein, reagieren die Vögel oft gemeinsam und äußerst zielgerichtet. Für Fotografen ist diese Phase besonders spannend. Die Säbelschnäbler durchstreifen regelmäßig ihr Revier und folgen dabei häufig denselben Wegen. Wer sich Zeit für die Beobachtung nimmt, kann ihr Verhalten erstaunlich gut vorhersagen.
Nachdem ich mich im vergangenen Jahr intensiv mit den klassischen Motiven rund um den Säbelschnäbler beschäftigt hatte, wollte ich diesmal einen anderen Ansatz verfolgen: Statt dokumentarischer Aufnahmen sollten atmosphärische Bilder entstehen. Doch was macht ein solches Bild eigentlich aus? Mit dieser Frage begann die Planung des hier gezeigten Fotos. Es sollte die Weite des Meeres spürbar machen, Sehnsucht wecken und eine Stimmung von Ruhe und Unberührtheit vermitteln. Gleichzeitig sollte der Vogel in seiner Eleganz und charakteristischen Erscheinung zur Geltung kommen. Die Entscheidung fiel auf eine Gegenlichtaufnahme. Die markante Silhouette des Säbelschnäblers mit seinem geschwungenen Schnabel, den langen Beinen und der eleganten Körperform besitzt bereits eine starke visuelle Wirkung. Zudem versprach das warme Licht der untergehenden Sonne genau die Atmosphäre, die ich vermitteln wollte.
Dafür wählte ich einen Standort für mein Versteck, der es mir ermöglichte, die Vögel während der letzten halben Stunde des Tageslichts bei der Nahrungssuche zu fotografieren. In dieser Zeit sind sie besonders aktiv und bewegen sich immer wieder entlang derselben Routen durch ihr Revier. Eine weitere wichtige Überlegung betraf die Wahl des Objektivs. Mir schwebten die großen, weichen Lichtkreise vor, die durch Reflexionen auf der Wasseroberfläche entstehen und die Bewegung des Meeres symbolisieren. Diese Lichtkreise – oft als „Blubs“ bezeichnet –bestimmen das Bokeh. Je länger die Brennweite, desto größer erscheinen sie. Um eine möglichst runde Form zu erhalten, sollte die Blende vollständig geöffnet sein. Meine Wahl fiel schließlich auf 600 Millimeter Brennweite. Ein 800-mm-Objektiv hätte zwar noch größere Lichtkreise erzeugt, doch die Wirkung erschien mir für dieses Motiv zu dominant.
Was braucht es also für ein Bild wie dieses? Einige konzeptionelle Vorüberlegungen, die passende Lichtsituation, eine ausdrucksstarke Silhouette – und die Bereitschaft, sich auf die Atmosphäre eines Moments einzulassen. Eigentlich gar nicht so viel.









