Wenn ich mein Fotoarchiv durchschaue, fällt mir auf, dass es bestimmte Motive in großer Zahl gibt – und andere, die sich nur sehr selten finden. Zu den seltenen Motiven zählen Aufnahmen von Küken und Jungvögeln. Auf den ersten Blick könnte man meinen, das liege daran, dass manche Küken zunächst – wie soll ich es formulieren – eher wenig geeignet für einen Schönheitswettbewerb erscheinen. Andere wiederum sind ausgesprochen niedlich, verlieren dieses putzige Aussehen mit der Zeit aber wieder. Doch ich glaube, es gibt noch andere Gründe.
Zum einen ist das Fotografieren an Nestern grundsätzlich verboten und in der Naturfotografie zu Recht verpönt. Zum anderen ist es in freier Natur äußerst schwierig, Jungvögel vor die Linse zu bekommen. Wenn ich nur an die Schnepfenvögel denke: Mitte Mai, wenn Rotschenkel, Uferschnepfen und Große Brachvögel ihre Jungen führen, sind die Wiesen üppig bewachsen – der Nachwuchs bleibt im hohen Gras nahezu unsichtbar.
Da drängt sich die Frage auf, ob es überhaupt sinnvoll ist, Jungvögel zu fotografieren. Aus meiner Sicht ist diese Frage nicht einfach zu beantworten. Das gezielte Aufsuchen oder gar Nachstellen von Jungvögeln lehne ich klar ab: Es stört die Tiere und kann womöglich sogar Prädatoren den Weg weisen. Außerdem ist es schlicht verboten. Und doch wäre es schön, das eine oder andere Foto eines Kükens im Portfolio zu haben, um eine Geschichte in einem Magazinbeitrag oder in einem Buch vollständiger erzählen zu können – gerade, um für den Schutz dieser Arten zu werben.
Wie man an diesem Beitrag sieht, habe ich dennoch Bilder von Jungvögeln. Wichtig ist mir dabei der Hinweis, dass ich die Vögel weder gestört noch ihnen nachgestellt habe. Möglich wird das nur durch lange Vorbereitung, genaue Ortskenntnis und sehr viel Geduld. Ab der dritten Maiwoche streifen in unserer Region die Wiesenvögel mit ihren Jungen so durch die Flächen, dass man sie aus dem Auto heraus aus sicherer Entfernung beobachten kann. Ich nutze dafür in der Regel eine Brennweite von 800 mm, manchmal ergänzt durch einen Konverter oder eine APS-C-Kamera – also effektiv rund 1.200 mm. Ein Grund ist die notwendige Distanz zu den Vögeln, der andere der Blickwinkel: Aus kurzer Entfernung würde der Blick auf die Küken leicht „von oben herab“ wirken.
Die Aufnahmen der Vögel im Wattenmeer sind aus einem festen Beobachtungsstand heraus entstanden. Die Tiere können dort frei entscheiden, ob sie sich nähern oder Abstand halten. Diese Freiwilligkeit ist für mich ein zentrales Kriterium.
Was ich hier für Jungvögel beschreibe, sehe ich als grundsätzliche Haltung in der Naturfotografie: Wir sollten den Geschöpfen mit größtmöglichem Respekt und echter Ehrfurcht begegnen – und unsere Bilder so gestalten, dass dieses Anliegen erkennbar bleibt.

Die Brandgans wirkt wie ein kleines Federknäul und dürfte erst wenig Tage alt sein.

Die junge Uferschnepfe hat in der dritte Maiwoche bereits erste Federansätze und wirkt schon stattlich.

Da staunten der Fotograf und das Kiebtizküken beide nicht schlecht. Plötzlich trat es aus der dichten Wiese hervor und genoss den Überblick.

Die junge Uferschnepfe durchstreift die Feuchtwiese auf der Suche nach Insekten.









