Wenn ich von unbewohnten Inseln und menschenleeren Stränden höre, denke ich unweigerlich an ferne Länder, tropische Regenwälder oder Ozeanien. Umso spannender war eine Einladung der Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, eine Exkursion zur unbewohnten Insel Minsener Oog zu begleiten.
Dabei liegt die Insel gar nicht so weit entfernt. Von meinem Wohnort sind es lediglich rund 110 Kilometer bis nach Schillig. Von dort geht es zu Fuß weiter durch das Watt. Etwa fünf Kilometer sind zurückzulegen, bis man die Insel erreicht. Da die Priele nur an wenigen Stellen sicher durchquert werden können, führt der Weg in einem Zickzack-Kurs durch das Watt. Um diese Übergänge zu finden, ist die Begleitung durch einen ortskundigen und professionellen Wattführer unverzichtbar.
Ganz menschenleer ist Minsener Oog allerdings nicht – und vor allem ist die Insel von Menschenhand geschaffen worden. Die Pläne für ihre Entstehung wurden Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt, um die Fahrrinne der Jade vor der Versandung zu schützen. Zu diesem Zweck errichtete man Dämme, die Sand auffangen sollten. Später wurden große Mengen Sand angespült, wodurch die Insel nach und nach wuchs. Durch den Einsatz von Spülbaggern und die fortschreitende Entwicklung der Insel war gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine dauerhafte Anwesenheit von Menschen nicht mehr erforderlich. Die vorhandenen Bauwerke wurden aufgegeben. Nach dem Rückzug des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes blieb in den Sommermonaten lediglich der Vogelwart auf der Insel. Diese Aufgabe wird bis heute jedes Jahr von einer ehrenamtlich tätigen Person übernommen.
Ziel unserer Exkursion war es, gemeinsam mit einem Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedene Forschungsaufgaben zu unterstützen. Dazu gehörte unter anderem die behördlich genehmigte Entnahme eines Eis der Brandseeschwalbe. Aus dem Gewebe des Embryos soll DNA sequenziert werden, um die Entstehung und die Auswirkungen der Vogelgrippe besser zu verstehen.
Minsener Oog gilt als die Insel der Seeschwalben. Besonders zahlreich vertreten sind die Brandseeschwalben. Um ihre Bestände möglichst genau zu erfassen, wurden die Brutkolonien mit einer Drohne überflogen. Aus nahezu 4.000 Einzelaufnahmen entstand später ein hochauflösendes Gesamtbild, das für die Vogelzählung ausgewertet wurde.
Darüber hinaus wurden solarbetriebene Überwachungskameras installiert. Sie dienen als eine Art Frühwarnsystem und ermöglichen es den Forschenden, Veränderungen innerhalb der Kolonie vom Festland aus zu beobachten, ohne die Vögel zu stören.
Die Teilnahme an dieser Exkursion bot mir die seltene Gelegenheit, die Insel und ihre Bewohner zu porträtieren. Dabei entstanden zahlreiche außergewöhnliche Aufnahmen, die unser gemeinsames Buchprojekt bereichern werden.
Nach zwölf Stunden auf der Insel mussten wir uns schließlich beeilen. Bei Niedrigwasser und einsetzender Dunkelheit galt es, den Rückweg anzutreten, um das Ufer bei Schillig noch sicher zu erreichen.

Vor der Ankunft auf Minsener Oog stand ein langer Marsch durch das Watt und einige Priel.

Minsener Oog darf nur an einer kleine Stelle im Süden betreten werden. Sie Insel „gehört“ den Seevögeln.

Die Brandseeschwalben und die Lachmöwen brüten dicht beieinander.

Die flutsicher erstellen Bauten werden nicht mehr benötigt. Die Vögel übernehmen die Insel.

Die elegante Brandseeschwalbe brütet in großer Zahl auf Minsener Oog.

Auch die Flussseeschwalbe brütet in stattlicher Zahl auf der Insel. Sie ist an ihrem kreischenden Ruf, dem rot-schwarz gefärbten Schnabel, der schwarzen Kopfkappe und dem langen gegabelten Schwanz gut zu erkennen.









