Anfang April zieht es mich ins Ochsenmoor im südlichen Bereich des Dümmers. In diesem ehemaligen Niedermoor ist durch jahrzehntelange Naturschutzarbeit eine Feuchtwiesenlandschaft von internationaler Bedeutung entstanden. In der Niederung der Hunte stehen jetzt weite Wiesenflächen unter Wasser, während sich auf den etwas höher gelegenen Bereichen zahlreiche Wiesenvögel ein Stelldichein geben. Uferschnepfen, Große Brachvögel, Löffelenten, Kampfläufer und Bekassinen prägen das Bild dieser einzigartigen Landschaft.

Das wohl schonendste Fortbewegungsmittel in dieser sensiblen Wiesenlandschaft ist das Auto, das gleichzeitig als Tarnversteck dient. So fährt man langsam die Wege entlang – stets in der Hoffnung auf eine fotografisch interessante Begegnung. Nur selten kündigen sich spannende Situationen deutlich an oder dauern lange genug, um vorbereitet zu sein. Deshalb begleitet mich bei jeder Exkursion eine zentrale Frage: Weiterfahren oder stehen bleiben?

Bei meinen täglichen Fahrten entdeckte ich unmittelbar neben der Straße, am Rand eines Grabens, das Nest einer Graugans. Der ständige Verkehr hatte dazu geführt, dass die Vögel vorbeifahrenden Autos kaum noch Beachtung schenkten. Das erschien mir als ideale Gelegenheit, das Fahrzeug auf dem Seitenstreifen abzustellen und geduldig abzuwarten. Aus meinen langjährigen Aufzeichnungen wusste ich, dass die Gössel der Graugänse am Dümmer meist um den 10. April schlüpfen. Deshalb entschied ich mich in diesem Jahr bewusst dafür, nicht von Motiv zu Motiv zu wechseln, sondern meine Aufmerksamkeit ganz auf dieses eine Nest zu richten.

Nachdem ich geparkt hatte, dauerte es nicht lange, bis sich die auf dem Nest sitzende Gans flach niederlegte, um möglichst unauffällig zu wirken. Wenig später ruhte ihr Hals entspannt auf dem Rückengefieder. Die Gans schien zu schlafen. Die Zeit verging. Mehrfach stellte sich mir erneut die Frage, ob ich nicht doch weiterfahren sollte. Doch dann bemerkte ich eine leichte Bewegung unter ihrem Flügel. Zunächst nur vereinzelt, doch allmählich entstand eine erkennbare Unruhe im schützenden Federkleid.

Meine Vermutung bestätigte sich. Nach einiger Zeit erschien zwischen den grauen Federn des Altvogels ein erster gelber Fleck. Ein frisch geschlüpftes Gössel streckte neugierig den Kopf hervor und blickte aufmerksam in eine Welt, die es gerade erst entdeckt hatte. Als sich die Gans später für einen kurzen Moment aufrichtete, wurden sogar noch drei weitere Jungvögel sichtbar.

Um diesen intimen Augenblick fotografisch festhalten zu können, waren intensive Beobachtungen, präzise Aufzeichnungen, Geduld – und eine Brennweite von 800 Millimetern – erforderlich. Und falls Sie sich bei Ihrer nächsten Beobachtung ebenfalls die Frage stellen sollten, ob Sie weiterfahren oder stehen bleiben: Meine Empfehlung lautet ganz klar – stehen bleiben.

©2026 Willi Rolfes · Marschstraße 25 · 49377 Vechta · 04441/7776  · Germany · Impressum · Datenschutz

Log in with your credentials

Forgot your details?