Aktuell arbeite ich an einem umfangreichen Buchprojekt über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. In diesem Zusammenhang verbringe ich viel Zeit an der Nordsee und auf den ostfriesischen Inseln. Immer wieder beeindruckt mich, wie viele Vogelarten und Individuen diesen einzigartigen Lebensraum im Laufe eines Jahres nutzen – zur Brut, Balz und Mauser, als Jagdrevier, zur Nahrungsaufnahme oder als unverzichtbare Raststation auf ihren oft tausende Kilometer langen Zugrouten. Eines ist das Wattenmeer dabei ganz sicher: eine nahezu unerschöpfliche Nahrungsquelle für Vögel. Gerade diese Fülle macht den Nationalpark zu einem der bedeutendsten Vogelgebiete Europas.

Bei einem solchen Buchprojekt geht es natürlich auch darum, möglichst viele Arten zu fotografieren – gerne auch seltene Arten und, wenn möglich, in besonderen Situationen. Und so viel darf ich schon verraten: Es gab bereits zahlreiche unvergessliche Begegnungen. Dennoch bleiben immer einige Wunscharten auf meiner Liste. Eine davon war der Meerstrandläufer. Dieser kleine Schnepfenvogel verbringt den Sommer in den arktischen Regionen des hohen Nordens und überwintert in kleinen Gruppen an den Küsten der Nordsee. Schon lange hatte ich den Wunsch, ihn einmal fotografieren zu können. Dafür suchte ich den Austausch mit ausgesprochen ortskundigen Ornithologen, durchforstete die einschlägigen Foren und verbrachte viele Stunden im Gelände. Doch abgesehen von wenigen Sichtungen in großer Entfernung blieb der Meerstrandläufer für mich ein Phantom.

Kürzlich lag ich an einem Gezeitentümpel im Schlick und wartete darauf, dass sich ein Austernfischer näherte. Plötzlich nahm ich aus dem Augenwinkel kleine Schatten wahr und hörte einen feinen, fast zwitschernden Flugruf. Zunächst wollte ich mich nicht von meinem eigentlichen Motiv ablenken lassen. Doch schließlich siegte die Neugier. Als ich vorsichtig über die Schulter blickte, entdeckte ich eine kleine Gruppe Limikolen, die sich unweit von mir am Spülsaum niedergelassen hatte. Nahrung suchend bewegten sie sich langsam in meine Richtung. Mein erster Gedanke war: Alpenstrandläufer. Das allein hätte bereits gereicht, um mein Interesse zu wecken.

Da ich bäuchlings im Schlick lag und mein 600-mm-Objektiv nur wenige Zentimeter über dem Boden positioniert war, erforderte das Umdrehen einiges an Akrobatik. In Zeitlupe versuchte ich, einen der kleinen Strandläufer in den Sucher zu bekommen. Als das Bild schließlich scharf wurde, konnte ich kaum glauben, was ich sah:

Ein Meerstrandläufer!

Der Strand war riesig, der Tag noch lang – und ausgerechnet hier, direkt vor meiner Nase, hatte sich die Art niedergelassen, nach der ich so lange gesucht hatte. Das war ein Moment außergewöhnlichen Glücks.

Zu meiner Überraschung zeigten sich die Meerstrandläufer vollkommen entspannt. Konzentriert auf die Nahrungssuche, ließen sie sich aus nächster Nähe fotografieren. Ich verzichtete bewusst darauf, ihnen zu folgen, weil ich sie keinesfalls beunruhigen wollte. Das erwies sich als die richtige Entscheidung. Die Vögel liefen zwar mehrfach an mir vorbei, kehrten aber immer wieder in meine Nähe zurück. Ein besonderes Geschenk waren die Momente, in denen ich ihr Verhalten bei der Nahrungssuche beobachten konnte. So gelang mir unter anderem die Aufnahme eines Meerstrandläufers mit einem frisch erbeuteten Seeringelwurm im Schnabel – ein Augenblick, der die enge Verbindung zwischen diesen Zugvögeln und dem reichen Nahrungsangebot des Wattenmeeres eindrucksvoll verdeutlicht.

Dieses Erlebnis hat mir erneut vor Augen geführt, dass sich in der Naturfotografie trotz aller Vorbereitung, Geduld und Anstrengung nichts erzwingen lässt. Man kann vieles planen, recherchieren und vorbereiten. Doch die schönsten Begegnungen bleiben oft die, die man nicht erwartet.

Der letzte Rest ist immer ein Geschenk!

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