Für mein aktuelles Projekt über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer besuche ich sämtliche Ostfriesischen Inseln, um ihre Besonderheiten aus naturfotografischer Sicht herauszuarbeiten. Gerade komme ich von der Insel Spiekeroog zurück. Nach einem einwöchigen Aufenthalt im Herbst mit kräftigen Winden, aufbrausender See und rot leuchtendem Queller in den Pionierzonen der Salzwiesen standen diesmal die Frühlingsaspekte der Insel auf meiner Wunschliste. Anfang Mai ist eine wunderbare Zeit für einen Besuch. Die Insel erwacht aus dem Winterschlaf, die Zahl der Gäste ist noch überschaubar, und dennoch haben bereits alle touristischen Einrichtungen und Restaurants geöffnet. Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite: frisch, klar und sonnig – genau so, wie man es sich für eine Inselreise wünscht.
Spiekeroog gilt als die ruhigste und ursprünglichste der Ostfriesischen Inseln. Zwar teilt sie viele Merkmale mit ihren Nachbarinseln, besitzt aber einige Besonderheiten, die ihr einen ganz eigenen Charakter verleihen. Die Insel ist autofrei, und Besucher werden sogar dazu angehalten, auch das Fahrrad möglichst stehen zu lassen und die Wege zu Fuß zu erkunden. Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Ruhe. Hinzu kommt, dass Spiekeroog weniger Tagesgäste anzieht als manche Nachbarinsel und über keinen Flughafen für touristische Linienflüge verfügt. Die Insel zeichnet sich durch weitläufige Dünenlandschaften, ausgedehnte Salzwiesen und große, weitgehend unbebaute Naturräume aus. Der rund 15 Kilometer lange Sandstrand wirkt vielerorts ausgesprochen naturbelassen. Im Gegensatz zu stärker touristisch geprägten Inseln findet man hier nur wenig Bebauung direkt hinter den Dünen. Auch das Inseldorf hat viel von seinem ursprünglichen Charme bewahrt. Historische Friesenhäuser und eine gewachsene Dorfstruktur prägen das Ortsbild und verleihen Spiekeroog eine besondere Atmosphäre. Bei meinem Besuch war das Nationalpark-Haus Wittbülten gerade nach einer umfassenden Neugestaltung wiedereröffnet worden. Das neue Ausstellungskonzept überzeugte auf ganzer Linie. Von hier aus führen Wege direkt in die Salzwiesen und weiter in den „Wilden Osten“ der Insel, die sogenannte Ostplate.
Die Ostplate umfasst etwa zwei Drittel der gesamten Inselfläche und gehört zu den beeindruckendsten Naturräumen des Wattenmeeres. Dynamische Dünen, weitläufige Salzwiesen und ständig wechselnde Küstenformen prägen dieses Gebiet, das als wichtiger Brut- und Rastplatz zahlreicher Vogelarten streng geschützt ist. Wind und Gezeiten gestalten die Landschaft fortwährend neu. Wer den langen Weg bis zur seeseitigen Strandkante auf sich nimmt, wird mit einem außergewöhnlich intensiven Naturerlebnis belohnt. Hier zeigt sich die Dynamik einer Insel, die noch immer weitgehend den Kräften der Natur überlassen ist. Doch nicht nur die Ostplate präsentierte sich in frühlingshaften Farben. Auch die Dünen zwischen dem Ortskern und dem Nationalpark-Haus trugen ihr buntes Frühlingskleid. Ginster, Strandastern und die vielerorts blühenden Veilchen setzten leuchtende Farbakzente in der ansonsten von Sand und Gras geprägten Landschaft.
Und wie so oft kam die größte Überraschung völlig unerwartet. Bereits bei meiner ersten Erkundung fiel mir ein Turmfalke auf, der die Nähe des Menschen offenbar gewohnt war und mich bis auf Fotodistanz herankommen ließ. Im Laufe der Woche begegneten wir uns immer wieder. Am Ende hatte ich beinahe das Gefühl, einen alten Bekannten zu treffen. Vermutlich ist er inzwischen der meistfotografierte Turmfalke Spiekeroogs.
Aus naturfotografischer Sicht habe ich die Ostfriesischen Inseln lange unterschätzt. Über viele Jahre war die niederländische Insel Texel mein bevorzugtes Ziel. Dort sind die fotografischen Möglichkeiten an manchen Stellen ohne Frage besonders komfortabel und vielversprechend. Nachdem ich inzwischen alle Ostfriesischen Inseln innerhalb kurzer Zeit bereist habe, fällt mein Fazit jedoch eindeutig aus: Für Naturfotografen, die sich für die Vielfalt des Wattenmeeres interessieren, gerne zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind und bereit sind, sich ihre Motive selbst zu erarbeiten, bieten die Inseln ein enormes Potenzial. Spiekeroog nimmt dabei einen ganz besonderen Platz ein – als Insel der Ruhe, der Weite, der ursprünglichen Natur und der Nacht, den Spiekeroog gilt auch als „Sterneninsel“.

Sandriffel am Spülsaum auf der Ostplate.

Die Salzmiere gehört zu den Pionierpflanzen des Wattenmeeres. Bereits am Strand fängt sie den Sand auf und trägt zur Dünenbildung bei.

Wunderbar geformte Krateichen prägen das Bild der Dünen.

Anfang Mai leuchten überall in den Dünne ganze Farbteppiche von Veilchen und locken Insekten an.

Ein Turmfalke rüttelt in der Luft am Fuße der Dünen und hält Ausschau nach Mäusen.

Die wendigen Flugmannöver des Turmfalken bei der Jagd boten die Voraussetzung für faszinierende Fotos.

Beim Utkieker, einer Skulptur in den Dünen, bietet sich ein atemberaubender Blick auf die Milchstraße und in den nächtlichen Himmel.









