Jedes Jahr im Mai beginnt für viele Landwirte die Zeit der ersten Mahd. Gleichzeitig ist dies die Setzzeit der Rehe. In hohen Wiesen bringen die Rehgeißen ihre Kitze zur Welt und legen sie dort in den ersten Lebenswochen ab. Ihr natürlicher Schutzmechanismus besteht darin, bei Gefahr regungslos liegen zu bleiben. Was sie vor Fressfeinden bewahrt, wird ihnen jedoch bei der Mahd zum Verhängnis: Für Mähmaschinen sind die gut getarnten Jungtiere nahezu unsichtbar.
Genau hier setzt die Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Jägerschaft an. Um die Kitze vor dem sogenannten Mähtod zu bewahren, kommen zunehmend Drohnen mit Wärmebildkameras zum Einsatz. Voraussetzung dafür ist eine enge Abstimmung zwischen Landwirten und den örtlichen Jägern. Bereits am Morgen vor dem geplanten Mähen beginnt die Kitzrettung – meist noch vor Sonnenaufgang. Zu dieser Tageszeit sind die Temperaturunterschiede zwischen den Tieren und ihrer Umgebung besonders deutlich und damit auf den Wärmebildaufnahmen gut erkennbar.
Ausgestattet mit einer Drohne und einer hochauflösenden Wärmebildkamera überfliegt ein speziell geschultes Team des Hegerings die Wiesen systematisch. Auf dem Monitor erscheinen die warmen Körper der Tiere als helle Wärmequellen. Selbst Kitze, die tief im hohen Gras verborgen liegen, können so schnell und zuverlässig lokalisiert werden.
Wird ein Kitz entdeckt, markieren die Drohnenpiloten die genaue Position. Anschließend nähern sich Helfer vorsichtig dem Tier. Um den menschlichen Geruch möglichst gering zu halten, werden häufig Handschuhe oder Grasbüschel verwendet. Die Kitze werden vorübergehend in einer sicheren Kiste oder an einem geschützten Ort am Rand der Fläche untergebracht. Erst nachdem die Wiese gemäht wurde, setzt man sie wieder in die Nähe ihres ursprünglichen Fundortes zurück. Die Rehgeiß findet ihr Junges anschließend problemlos wieder.
Der Einsatz von Drohnen hat die Kitzrettung in den vergangenen Jahren revolutioniert. Während die Suche zu Fuß zeitaufwendig war und oft nur begrenzten Erfolg brachte, lassen sich heute innerhalb kurzer Zeit große Flächen kontrollieren. Dadurch können jedes Jahr zahlreiche Jungtiere vor dem Tod durch Mähmaschinen bewahrt werden.
Die Kitzrettung zeigt eindrucksvoll, wie moderne Technik und ehrenamtliches Engagement zusammenwirken können. Viele Jäger investieren ihre Freizeit und stehen bereits in den frühen Morgenstunden auf, um Wildtiere zu schützen. Unterstützt werden sie dabei von Landwirten und freiwilligen Helfern. Gemeinsam leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Tierschutz und zum Erhalt unserer heimischen Tierwelt.
In diesem Jahr hatte ich die Gelegenheit, eine solche Kitzrettung fotografisch zu begleiten. Neben den seltenen Aufnahmen der jungen Rehe war für mich vor allem ein anderer Aspekt von Bedeutung: Es wird immer wichtiger, nicht nur die Natur selbst zu fotografieren, sondern auch die Menschen, die sich für ihren Schutz einsetzen. Naturschutz lebt von Vorbildern und vom Mitmachen. Oder, um ein altes pädagogisches Prinzip aufzugreifen:
„Vormachen. Mitmachen. Selbermachen.“
Genau darin liegt die besondere Stärke solcher Projekte: Sie zeigen, dass jeder Einzelne einen Beitrag leisten kann – sei es durch ehrenamtliches Engagement, technische Unterstützung oder einfach durch ein größeres Bewusstsein für die Natur vor unserer Haustür.













