In der Naturfotografie kommt es oft auf die richtige Perspektive an. Deshalb lohnt es sich – abgesehen von unkontrollierbaren Actionaufnahmen – zunächst darüber nachzudenken, welche Aussage ein Bild eigentlich vermitteln soll. Wie bereits im vorherigen Beitrag erwähnt, beschäftige ich mich derzeit mit einem Fotoprojekt über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Die Salzwiesen werden darin einen zentralen Platz einnehmen. Tief eingeschnittene Priele durchziehen die Wiesen. Im Rhythmus der Gezeiten transportieren sie salzhaltiges Meerwasser weit in diesen besonderen Lebensraum hinein, um es rund sechs Stunden später wieder zurück ins Meer zu führen.
Die Bedingungen sind extrem: Ein Lebensraum, der eine hohe Anpassungsfähigkeit erfordert und deshalb nur von spezialisierten Pflanzen und Tieren besiedelt wird. Gleichzeitig sind die Salzwiesen Rastgebiet für Millionen von Vögeln und Lebensraum für zahlreiche Insekten. Und wenn im Winter der „blanke Hans“ kommt, heißt es auch hier: Land unter.
Doch wie fotografiert man diesen Lebensraum so, dass seine Besonderheiten sichtbar werden und beim Betrachter zugleich der Eindruck einer ursprünglichen, weitgehend unberührten Wildnis entsteht? Schnell wurde mir klar, dass die Priele, ihre Ästhetik und vor allem die Dimension ihrer Ausdehnung vom Boden aus nur schwer darzustellen sind. Ihre eigentliche Struktur erschließt sich erst aus einer gewissen Höhe. Ein erster Versuch, die Landschaft aus einer Cessna heraus zu fotografieren, funktionierte bei großen, weitläufigen Landschaftselementen durchaus gut. Allerdings musste aufgrund der rechtlichen und fliegerischen Vorgaben ein vergleichsweise großer Abstand eingehalten werden. Alternativ kamen Teleobjektive zum Einsatz, die jedoch genau das nahmen, was ich für diese Bilder suchte: die unmittelbare Wirkung und die „Wucht“ der Landschaft.
Also entschied ich mich für die Drohne. Mit einer Brennweite von 24 mm, bezogen auf das Kleinbildformat, konnte ich schließlich Bilder aufnehmen, die meiner ursprünglichen Vorstellung sehr viel näher kamen. Die erhöhte Perspektive ermöglicht einen Überblick über die Landschaft und macht gleichzeitig Strukturen sichtbar, die sich vom Boden aus kaum erschließen. Dadurch entsteht eine ungewohnte Sichtweise auf einen Lebensraum, den man zu kennen glaubt und doch plötzlich mit anderen Augen sieht.
Das Bild eines Priels im Westen der ostfriesischen Insel Wangerooge konnte ich mit einer DJI Mavic 4 Pro aufnehmen. Die Kamera liefert eine hervorragende Bildqualität und Auflösung. Die RAW-Dateien verfügen über eine sehr gute Dynamik und bieten bei entsprechender Bearbeitung auch die notwendigen Reserven für hochwertige Drucke – bis hin zu Buchdoppelseiten oder Ausstellungen. Doch bei der Drohnenfotografie in einem so sensiblen Lebensraum beginnt die eigentliche Herausforderung bereits vor der Aufnahme. Der Einsatz einer Drohne im Nationalpark ist nicht einfach eine Frage der technischen Möglichkeiten. Entscheidend ist vielmehr, ob und unter welchen Bedingungen ein solcher Flug überhaupt zulässig ist. Für entsprechende Aufnahmen sind die geltenden Schutzbestimmungen des Nationalparks zu beachten und es sind Sondergenehmigungen erforderlich. Ebenso müssen sensible Zeiten und Bereiche, insbesondere während der Brut- und Aufzuchtzeit sowie des Vogelzugs, berücksichtigt werden.
Für mich bedeutet das: Die Drohne ist kein Werkzeug, mit dem man sich einfach jede gewünschte Perspektive erschließen kann. Gerade in der Naturfotografie muss die Perspektive immer auch mit Verantwortung verbunden sein. Die richtige Perspektive zu finden bedeutet deshalb manchmal auch, auf ein Bild zu verzichten.









