Naturfotografie hat viele Facetten. Sicherlich denkt man zunächst an eindrucksvolle Tier- und Landschaftsfotografien. Dabei stehen außergewöhnliche Tierarten und spektakuläre Orte oft im Mittelpunkt.

In den vergangen Jahren habe ich mir zum Ziel gesetzt, das Naturerbe meiner Heimat „sichtbar“ zu machen. Gemeinsam mit kompetenten Journalisten soll es beschrieben und die jeweilige Bedeutung herausgearbeitet werden. Damit verbinde ich die Hoffnung, an einem Bewusstseinswandel mitzuwirken, der die Schutzbedürftigkeit vieler Arten und Landschaftsteile verdeutlicht. Meine derzeitige naturfotografische Arbeit besteht also nicht darin, Spektakuläres an fernen Orten zu fotografieren, sondern vielmehr darin, die Natur vor meiner Haustür faszinierend und mit neuen Augen betrachtet zu zeigen. Das setzt sehr gute Ortskenntnisse voraus und erfordert eine gute Recherche. Es gibt Bücher über Island, in denen die besten Fotospots mit GPS-Koordinaten verzeichnet sind. Für mein aktuelles Projekt über den Fluss „Hunte“ muss ich mir jeden Fotopunkt selbst erarbeiten. Das ist sehr aufwendig, aber auch sehr erfüllend, denn oftmals werden bestimmte Orte erstmals ernsthaft fotografiert. Natürlich sind die Bilder der Hunte nicht mit spektakulären Einzelbildern aus Island vergleichbar. Aber liegt heute nicht auch darin ein Wert: Diese Bilder sind selten und die meisten Orte für mein Buch habe ich selbst entdeckt. Sie gibt es nicht als Selfi-Kulisse auf Instagram. Auch ist zu bedenken, dass man mit den Landschaften und Details umgehen muss, die da sind. Die Arbeit ist zwangsläufig dokumentarischer.

Ein Beispiel ist das Großsteingrab „Glaner Braut“. Die am Westufer der Hunte errichtete „Glaner Braut“ ist ein bekanntes Ausflugsziel der Region. Die vier beachtlichen Großsteingräber befinden sich in einem reizvollen Umfeld inmitten einer größeren Heidefläche. Die Hunte ist hier in ihrem ursprünglichen Verlauf belassen worden und prägt das Landschaftsbild. Kurzum: Ein Fleckchen, das nicht nur zur Besichtigung der vier dicht beisammen liegenden jungsteinzeitlichen Monumente, sondern auch zu ausgedehnten Spaziergängen einlädt.

So sehr es überraschen mag, vorgeschichtliche Steingräber ausgerechnet mit Bräuten in Verbindung zu bringen, so sehr ist dieser Brauch im gesamten norddeutschen Raum bekannt: Bis zur Christianisierung war es ausgesprochen verbreitet, zentrale Familienfestivitäten wie Eheschließungen an Gräbern abzuhalten. Denn vermutlich wollten die Hinterbliebenen ihre als unsterblich geglaubten Toten schlicht und ergreifend an den besonderen Momenten ihres irdischen Lebens beteiligen. Anders als bei der „Visbeker Braut“, stand die Verbindung zwischen Totenkult und Hochzeitsbrauchtum bei der Namensgebung der „Glaner Braut“ dennoch nicht im Mittelpunkt, zumindest ist es historisch nicht dokumentiert. Daher glaubt die Forschung, mit der Bezeichnung „Glaner Braut“ habe man weniger an alte Hochzeitsrituale erinnern als vielmehr einen Brückenschlag zu der damals bekannteren „Visbeker Braut“ in der Nachbarschaft herstellen wollen. Wie ihre bekannte „Schwester“, die „Visbeker Braut“, kann auch die „Glaner Braut“ mit einer Erzählung aufwarten: Noch im 20. Jahrundert erzählte man sich, hier habe das wohlhabende Volk des Stammes Glane gelebt. In Grab I, d.h. in der größten Grabanlage der „Glaner Braut“, habe der Fürst Glanos residiert. Die kleineren Gräber indes hätten als Hütten des Volkes gedient.

Auch das ist heute Naturfotografie: Ein Landschaftsbild – aus Vergangenheit und Gegenwart – wie aus vielen kleinen Puzzleteilen zusammensetzen.

 

 

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